John Maynard Keynes

The analysis was in terms of a single national economy. What is desperately needed now is a rewrite in terms of the world economy." (John Maynard Keynes's General Theory of Employment, Interest and Money, 1936)

Donnerstag, 21. November 2013

Sekuläre Stagnation: Die Neue Normalität?

Larry Sommer spricht auf der IMF-Konferenz, Paul Krugmann berichtet auf seinem 1 Million-Follower New York Times Blog, Wolfgang Münchau entwickelt in der Financial Time konservative, auf Spiegel Online  kreative Lösungsvorschläge: das Wachstum wird anders. Die Banken bereiten sich auf negative Einlagenzinsen vor (FAZ). Dauerhaft niedriges Wachstum, vielleicht Deflation. Neue Zeiten brechen an. Die Diskussion ist eröffnet.


Die Wirtschaftswissenschaften ähneln durchaus der Physik, die mit 5 Prozent des Vorhandenen vorlieb nehmen muss, denn  der Rest ist Dunkle Materie und Dunkle Energie, von der niemand weiß, was es eigentlich ist. 

Historisch sind es in den Wirtschaftswissenschaften die Auseinandersetzungen zwischen den Strömungen von Keynes und Hayek, die bis heute prägend wirken. Im Prinzip nahm man das Wachstum (das Produktionspotential) als gegeben an und sorgte sich darum, soziale Spannungen zu vermeiden (links) oder Wachstum nicht durch staatliche Eingriffe einzuengen (rechts). Volkswirtschaft als monetäre Optimierung? Es öffnete die Tore für mathematische Modelle und eine schier unbändige Suche nach Abhängigkeiten und Korrelationen in einer komplexen und dynamischen Welt.

Nach dem Schock der ersten Großen Depression lieferte Keynes ein Erklärungsmuster und war damit für mehrere Jahrzehnte erfolgreich. Mit dem Verlassen des Goldstandards und der Flexibilisierung von Bretton Wood kam der neoliberale Schwenk. Die Zentralbanken wurden unabhängig und lernten, Inflation zu bändigen. Die Implosion der Sowjetunion machte die Marktwirtschaft populär wie nie zuvor und danach. Gespräche über das Ende der Konjunkturzyklen kamen auf. Vollbeschäftigung und niedrige Inflation ließen sich scheinbar vereinen.  Eine Neue Ökonomie (Alan Greenspan) schien im Entstehen. 

Dass die eigentlich allgemein gültigen Modelle nur in den USA und, mit Abstrichen, in den anderen westlichen Ländern Anwendung fanden, und man für den Rest der Welt (80 % der Bevölkerung) eine eigenständige Entwicklungsökonomie brauchte, störte niemand. Wachstum entsteht, so das Erklärungsmuster, aus Technologie, wenn Arbeit und Kapital sich nicht verändern, d.h. es ist eine statistische Differenz. Natürlich, das ist nicht Phlogistan, das gab es nur im ausgehenden Mittelalter. Der Fokus auf Zentralbankzauberei (Sloderdijk) war und ist nützlich und erfolgreich, und dies sind gewichtige Argumente, vor allem wenn es um Erwartungen über die Zukunft geht.

Wieder einige Jahre später nun die historische Zäsur, die globalen Finanz- und Wirtschaftskrise und die Verweigerung der Wirtschaft, auf den alten Kurs zurück zu kehren, also ein Problem, dass außerhalb der Annahmen all dieser fein justierten Modelle und Abhängigkeiten liegt.  Auf dem Prüfstand steht das Verständnis des "The Economist": The rich world's biggest macroeconomic problem at the moment is a nominal problen and it is within central banks' power to fix it."
Man sollte jähe Wendungen im Denken über Wirtschaft und Gesellschaft nicht ausschließen.

Das folgende Diagramm zeigt die enorm stabile wirtschaftliche Dynamik der USA über das letzte Jahrhundert und den historischen Einbruch 2008. Die USA ist die Speerspitze der Weltwirtschaft und prägend für ihre Dynamik.


Näher zur Gegenwart sieht der Wendepunkt wie folgt aus (FT)


Manifestiert sich ein Kurswechsel, der weit weg vom Goldenen Zeitalter der Nachkriegszeit und, für Deutschland, der Stunde Null ist? 

Erklärungsmuster sind Mangel, selbst Paul Krugman ist vorsichtig (Demographie, Technologie, Sparüberschüsse). Wir können auf folgende institutionelle Makrotrends verweisen:
1.     Globalisierung: Vor dem ersten Weltkrieg wurde ein Höhepunkt bei der globalen Vernetzung von Handel und Investitionen erreicht. Krieg und Depression zeigten den Mangel an globalen Institutionen, die adäquat auf Schocks reagieren konnten . Aufgespalten in West und Ost verlagerte sich Wachstum zurück in die Staaten, mit den Supermächten an der Spitze. Die USA bauten vorsichtig ein Geflecht an internationalen Institutionen und ein internationales Rechtssystem auf. Zum Ende des Jahrhunderts überschritten globaler Handel und Investitionen die Werte vom Vorabend des Ersten Weltkrieges. Die Unterschied ist, dass die USA die globale Arena auf historisch ungesehene Art und Weise dominieren und es kein politisches Vakuum gibt. Aber Bruchlinien zeigen sich und es ist unklar, ob diese Dominanz weiterhin das Erfolgsrezept ist. Die Schwellen- und Entwicklungsländer haben mit 50 % der globalen Wertschöpfung zu den westlichen Länder aufgeschlossen. Die Weltwirtschaft ist komplexer, vielfältiger, ungleicher, vernetzter und unberechenbarer geworden. Nach G2, G7, G8 und G 20 droht die G Null Welt. Wieder ist ein institutionelles Defizit auf globaler Ebene zu erkennen, thematisiert beispielsweise der Oxford Martin Comission Report.

2.     Kräftegleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit: Seit dem zweiten Weltkrieg nimmt der Lohnanteil an der globalen Wertschöpfung ab, die soziale Ungleichheit innerhalb der Staaten zu. Auch mathematisch gibt es Grenzen, bis zu denen der  Lohnteil sinken kann. Wenn Zuwächse ausschliesslich  0.1 % oder 0.01 % der Bevölkerung zufliessen, dann ist es nur eine Frage der Zeit, wann es zu politisch Verwerfungen kommt, denn die Legitimität, dass mit steigender Flut alle Boote steigen, ist dann falsch.  Ein IMF-Paper entwickelt ein theoretisches Modell, bei dem soziale Ungleichheit zur Krise führt und eine stärkere Verhandlungsmacht der ärmeren Bevölkerungsschichten zu höherem Wachstum führt. Flassbeck formuliert das Dilemma detailliert. Ein EU Think Tank formuliert dieselbe Position unmissverständlich. Selbst US-Präsident Barak Obama ist sich dieser Herausforderung bewußt: "This isn't about class  warfare ...It's about making choices that benefit the economy as a whole." 

      
      Aber wie sieht ein Umkehrpunkt aus? Wir kann das bestehende politische Gleichgewicht so verändert werden, dass die Wirtschaft einen neuen Entwicklungspfad eintritt, bei denen die unmittelbaren Kosten sehr hoch und die Resultate ungewiss sind und weit in der Zukunft liegen? Vielleicht sind solche Wendepunkte eher historische Ereignisse. Vor 100 Jahren waren es Ereignisse wie die Russische Revolution, die erste globale Weltwirtschaftskrise und der Kalte Krieg, die einen neuen gesellschaftlichen Konsens schufen, den Boden für unorthodoxe Maßnahmen einleiteten und bestehende politische Widerstände überwanden. Sputnik-Momente forderten die Gesellschaft heraus und veränderten den gesellschaftlichen Konsens. Bau der Atombombe wie das US-amerikanische Raumfahrtprogramm kosteten viele Prozente der jährlichen Wirtschaftsleistung. Es waren Macht- und Prestigeprojekte. Ihr unmittelbare wirtschaftliche Wirkung war gering, aus heutiger Sicht könnten sie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen genannt werden. Es waren Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, in Bildung und in riskante neue Technologien. An vergleichbaren Ideen mangelt es heute nicht, nur finden sie keinen politischen Rückhalt: Ben Bernanke will Geld mit  Hubschraubern unter die Leute bringen. Paul Krugman für einen fingierten Angriff von Außerirdischen rüsten.  Jeffrey Sachs fordert seit Jahren den Übergang vom konsumorientierten zum investitionsorientierten Wachstumsmodell. Die „Occupy“ organisiert zahnlos im Namen von Main Street gegen Wall Street. Es sind gegenwärtig einfach keine Anzeichen für eine Trendänderung sichtbar. Das treibt den Preis für die unausweichliche Veränderungen in der Zukunft. Insgesamt ein großes Fragezeichen. 

3.     Veränderungen des technische Fortschritts: Die Nachkriegszeit setzte auf Wachstum von Technologien aus dem 19. Jahrhundert wie Waschmaschine, Auto und Elektrizität. Heute haben wir das Mobiltelefon und immer billiger werdende Computer. Sie haben Nutzen für den Verbraucher, verringern aber die Wertschöpfung. Am Anfang war dies unmerklich, nun wirkt es sich gesamtwirtschaftlich aus: ein immer härter werdender Wettbewerb zwischen innovativen Unternehmen führt formell zum Rückgang der gesamtgesellschaftlichen Leistung. Eine Situation, die an das Ende des 19. Jahrhundert erinnert. Vielleicht nun sogar mit negativen Zinsen.

Für diese Bedingungen sind unsere heutigen Institutionen nicht ausgelegt. Es bahnen sich grundlegende Veränderungen an, die eher mit der Dynamik von vor 100 Jahren als mit der relativen Stabilität der letzten 60 Jahre vergleichbar sind. Es wird richtig spannend!

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